Görültü – dt. Lärm, Krach, Getümmel

Das Getümmel im Herzen Istanbuls nimmt man als West-Europäer als angenehmes Treiben und als lebhaftes Durcheinander wahr. Doch auch in der Kleinstadt Çorlu gehört das tägliche Chaos zum Alltag. Der Lärm  lässt mich in ein langweiliges Einkaufszentrum flüchten.

Ich liebe das Durcheinander, das unorganisierte und das lebhafte Treiben in der Istiklal-Straße in Istanbul. Ich mag das Klirren der Teegläser und das Stimmengewirr am Galatataturm und das Brüllen der Simitverkäufer. Die vollgestopften Geschäfte eng an eng in KadΙköy und die überfüllten Bars in Taksim.

Trotzdem lässt mich die volle Metro, der dichte Verkehr und das ewige Ruckeln im Stau vor allem in den ersten Tage in der Türkei immer müde werden. Nach ein paar Tagen habe ich mich an die permanente Geräuschkulisse gewöhnt, doch bereits nach zwei Wochen sehne ich mich wieder nach einem ruhigen Plätzchen. Einmal kurz durchatmen.

Mein türkischer Freund, bei dem ich zurzeit unterkomme, ist von Istanbul nach Çorlu gezogen – einer Industriestadt mit 200 000 Einwohner. Im Vergleich zur 12 Millionenstadt Istanbul ist Çorlu ein kleines Nest. Doch die Verschlafenheit und Trägheit, die man von deutschen Kleinstädten kennt, lässt sich hier mit nur einem Wort beschreiben: Görültü.

Das türkische Wort, das beim Aussprechen angenehm im Hals kribbelt, kann man im Deutschen mit Lärm, Krach und Getümmel übersetzen. Bei strahlendem Sonnenschein habe ich heute einen kleinen Spaziergang in der Innenstadt gemacht und bin in einem bunten Durcheinander gelandet. Auf den engen Gehwegen drängen sich Fußgänger, Simitverkäufer und Straßenhunde.

Schuhputzer, Teetrinker, Glückslosverkäufer – dazwischen das Rufen der Dönerverkäufer, Autohupen, Baulärm, Muezzinruf und türkische Popmusik, die aus den Geschäften schallt. Auf den holprigen Straßen drängen sich Taxis, Motorradfahrer, Pferdewagen und Menschen. Ein weißer Lautsprecherwagen der „HayΙr“ („Nein“) Kampagne  zum Referendum fährt mit lauter Musik durch die engen Straßen.

Ich finde keinen Fokus im Durcheinander, weiß nicht, wo ich hinsehen soll. Auf den bröckelnden Fassaden wehen riesige Fahnen mit dem Gesicht von Atatürk, Türkeiflaggen, darunter leuchten die Schriftzüge der Geschäfte. Ein paar staubige Hunde liegen zwischen der Menschenmenge und schlafen seelenruhig. Daneben lässt sich ein Mann die Schuhe putzen und ein paar Männer mit dunklen Schnurrbärten diskutieren auf kleinen Hockern am Straßenrand. Ein Weilchen lass ich mich treiben, doch irgendwann werden meine Augen und Ohren müde. Ich verlasse das Zentrum und sitze nun in einem Café in einer Shoppingmall. Aus den Lautsprechern läuft leise Jazz und Swingmusik und die Tische sind spärlich besetzt. Ich kann aus der großen Fensterscheibe den blauen Himmel sehen und atme durch. Eine kleine Pause, eine heiße Tasse Kaffee.

„Sessizlik“ ist ein türkisches Wort für „Ruhe“. Es kribbelt nicht so schön wie „Görültü“ im Hals, aber ist nach einem Spaziergang in der belebten Innenstadt von Çorlu erholsam. Morgen stürze ich mich wieder in das Getümmel.

Fotos + Text: E. Kelpe

 

 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s