Frankreich, was ist los mit dir?

Morgen ist es soweit. Morgen ist Wahl. Macron gegen Le Pen. Le Pen gegen Macron. Im ersten Wahlgang haben sie sich gegen die linken Politiker Mélenchon und Hamon durchgesetzt und am morgigen 7. Mai wird nun endgültig entschieden in welche Richtung das Land zukünftig steuert. Die liberalen und proeuropäischen Ideen Macrons prallen gegen die nationalistischen und rechtspopulistischen von Le Pen.

Die Debatten der letzten Tage sind aufgeheizt und die Sätze wie „Macron wählen um Le Pen zu verhindern“, aber was ist, wenn zu viele Wähler frustriert sind und womöglich einen leeren Wahlzettel abgeben? Was wählen, wenn man sich gefühlt nur für das angeblich kleinere Übel entscheiden kann? Wie zerrissen fühlt sich die junge Generation, die nicht mit Herz und Überzeugung für einen Kandidaten stimmen kann?

Bereits vor dem ersten Wahlgang haben Freunde in Frankreich mir von der Stimmung dort erzählt, wie unentschlossen sie seien und wie sich ein Graben zwischen den Generationen auftut, der sich tiefer in die Gemüter gräbt und die Menschen spaltet. Viele ihrer Ängste haben sich bereits verwirklicht: Le Pen hat es in den zweiten Wahlgang geschafft. Die hier aufgeführten Aussagen beziehen sich ausschließlich auf den ersten Wahlgang. Trotzdem habe ich mich entschieden sie noch zu veröffentlichen. Sie laden zu einer politischen und gesellschaftlichen Reise ein und veranschaulichen die Zerrissenheit und Unentschlossenheit der Mittzwanziger in Frankreich. Es sind diejenigen, die nicht für Le Pen wählen. Es fehlt nur leider die Alternative. Hier ein kleines Stimmungsbild aus Frankreich, noch kurz vor der entscheidenden Wahl.

 

Sam, 25 Jahre, Flers

„Aktuell befinden wir uns auf der finalen Etappe, also der letzten Zielgeraden des Wahlkampfs. Das spürt man sehr. Dadurch treten die Kandidaten vermehrt in den Medien auf, um ihre Wähler zu überzeugen. Es ist Zeit die letzten Argumente hervorzuholen.

Den Umfragen zur Folge, wird es bei der Präsidentschaftswahl zu einem Kopf-an-Kopf-Rennen der vier Kandidaten (Fillon, Le Pen, Macron, Mélenchon) kommen. Auch wenn die Präsidentschaftswahl schon immer eine Maschinerie darstellte, die die Prognosen vereitelt hat, habe ich Angst, dass der Front National wie bei der Wahl 2002, es in den zweiten Wahlgang schafft.

Wenn man das allgemeine Klima betrachtet, ist es möglich, dass das gleiche Prozedere sich dieses Jahr mit Marine Le Pen wiederholt.

Sie ist hoch im Kurs um das Präsidentenamt, da sie mit der Angst der Menschen spielt. Vor allem mit der Angst vor dem Terrorismus. Daneben ist eines ihrer wichtigsten Argumente unerbittlich gegen die Immigration anzukämpfen.

Leider lassen sich die Franzosen blind von der Rhetorik mitreißen mit der Annahme, dass alle Probleme in Frankreich auf Ausländer zurückzuführen sind.

Frankreich ist dunkel und der rassistische Diskurs verbreitet sich. Das ist sehr traurig, aber dennoch noch keine Allgemeinheit.

Doch auch immer mehr gebildete und aufgeklärte Menschen unterstützen den xenophoben Diskurs der FN. Ich hoffe, dass wir dieser Partei noch einmal entkommen werden. Wenn dieses nicht der Fall ist, habe ich Angst, was dann passiert … und vor allem was aus Frankreich wird.“

 

Siriane, 26 Jahre, Troyes

„Für mich sind die Präsidentschaftswahlen dieses Jahr sehr kompliziert. Ich könnte eher sagen:„Ja“ ich werde „Nicht“ wählen, denn ich habe große Schwierigkeiten mich für einen Kandidaten zu entscheiden. Niemand scheint mir geeignet zu sein.

Ich werde auf jeden Fall wählen gehen, denn es ist ein Recht und auch meine Pflicht. Dennoch bin ich sehr enttäuscht über das Fehlen eines geeigneten Kandidaten. Ich glaube es gibt noch viele, die so unentschieden sind wie ich. In meiner Position als Beamtin und auch als Europäerin, habe ich Angst vor den Folgen, denn alle Kandidaten sind meiner Meinung nach nicht für die EU. Aus diesem Grund ist es sehr schwierig dieses Jahr einen Kandidaten auszuwählen. Die Spannung am Sonntagabend wird groß sein!“

 

Lucile, Paris

„Man hört überall von den Wahlen, sei es in der Metro oder auf der Straße: Es ist DAS Thema. Aber im Vergleich zu den amerikanischen Wahlen, finde ich, dass man doch weniger über die Französischen spricht. Die Menschen sind doch recht desinteressiert. Gerade wurden erst die Wahlplakate aufgehängt und ich habe vor Kurzem erst den Umschlag mit den unterschiedlichen Wahlprogrammen der Kandidaten bekommen.

Hier in meinem Viertel in Paris sind die meisten eher links. Sie sprechen viel über Mélenchon und Hamon. „Ich bin sauer! Warum tun die sich nicht einfach noch zusammen?!“ „Hamon mit seinem bedingungslosen Grundeinkommen, ist gut, aber…“ „ Hamon hat nicht so viel Gewicht, ich bin mehr für Mélanchon“ „Redet bloß nicht von diesem Idioten Macron!“ „Warum wählen die Leute nur für Le Pen? Die hat doch nichts im Kopf! Ich versteh das nicht!“ „Fillon könnte das Rennen machen, aber mit seinen Geschichten, das wird nichts!“ und so weiter…

Man ist gespalten, wütend, stellt sich Fragen und am Ende fühlt man sich verloren, aber man weiß, dass man sich entscheiden muss, für das Wohl aller und einem selber.

Man hat Angst wer an die Macht kommen wird: Mélenchon, der alles revolutionieren will? Die Nazi-Dikatur von Le Pen? Der süße Macron, der leider nichts in der Hose hat? Hamon oder du? Fillon und sein heiliger katholischer Abfalleimer? Alle haben Angst. Einige wollen jemanden an der Macht sehen, andere werden auf die Straße gehen… Es ist eine seltsame Atmosphäre.

Außerhalb von Paris, ich spreche von den meisten alten Dörfern, haben alle die Schnauze voll und wollen Le Pen oder Fillon. „Zu viele Araber! Sie klauen unser Geld! Schau, sie kommen nach Frankreich, bekommen eine Unterkunft und eine Pension für 750 Euro! Wie das bedingungslose Grundeinkommen, die kümmern sich um nichts! Wir mit unserer kleinen Rente, haben unser ganzes Leben geschuftet und werden dafür noch bestraft!“ „Die Regierung gibt mehr Geld für den Bau von Moscheen aus als für Kirchen. Wo ist unser kulturelles Erbe?“ „Mélenchon ist ein Kommunist!“ „Man braucht Härte in Frankreich! Die Grenzen müssen zu!“

Ich finde, dass die Medien die Menschen manipulieren. Sie berichten willkürlich und durcheinander, sodass viele alle Nachrichten miteinander vermischen. Die Franzosen schlucken alles, was die Medien ihnen sagen.

Einige überlegen auch das Land zu verlassen, wenn Le Pen gewählt wird. Ich werde auf jeden Fall nach Deutschland kommen, wenn eine verrückte Nazi-Frau an der Macht ist. Die Alten haben nichts von der Welt verstanden, die sie umgibt und wollen sie auch nicht ändern. Zwischen den Generationen in Frankreich hat sich ein tiefer Graben aufgetan.“

 

Maxime, 28 Jahre, Caen

„Seitdem ich 18 bin, habe ich erst zwei Präsidentschaftswahlen mitbekommen, 2007 und 2012. Die erste war von der Dynamik Sarkozys geprägt, die zweite von einem Wechsel zwischen einem Für und Gegen ihn.

2017 gibt es mehr Möglichkeiten; zwei von vier Kandidaten können offensichtlich in den zweiten Wahlgang kommen, nach den „Umfragen“. Ist das der Grund, warum die Wähler auf dem Land hysterisch erscheinen? Oder, weil zwei unter ihnen als extrem wahrgenommen werden und deshalb vielen Angst machen? Ich informiere mich vor allem über die Tagespresse, Radio und zum ersten Mal über Twitter. Dort sehe ich besonders wie dieser mediale Raum von verschiedenen Interessensgruppen belagert wird, manchmal inhaltlich, manchmal aggressiv.

Wenn sich viele kurz vor der Wahl noch unentschlossen sehen, dann deshalb, weil es schwierig ist sich auf einem politischen Terrain zu positionieren. Ich persönlich war lange Zeit unentschlossen und habe zwischen zwei Kandidaten geschwankt. Obwohl ich heute sicher bin und weiß, wem ich am Sonntag wählen werde, bin ich noch lange nicht mit all den Forderungen des Kandidaten einverstanden.“

Fotos +Text + Übersetzung: E.Kelpe

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